Gebrauch von Naturprodukten - Eine kritische Anmerkung

Kritische Anmerkung eines Umweltmediziners zum bedenkelosen Gebrauch von Naturprodukten


Dr. Erwin Kohler


Insbesondere für uns naturheilkundlich denkende Ärzte von der NATUM sind folgende Informationen eine wichtige Grundlage für unser Handeln. Naturheilkunde ist für mich untrennbar mit dem sorgsamen Umgang der Resourcen unseres Planeten und der Umwelt samt ihren Geschöpfen verbunden. Umweltmedizin ist eben nicht nur Panikmache oder Beschwichtigung, beides wider besseren (Ge-)wissens, oder das Umsichwerfen mit MAK- oder irgendwelchen willkürlichen Grenzwerten, sondern es ist die Medizin wie der medizinische Umgang mit und in unserer Umwelt, die wir sehr wohl mitgestalten können und auch zu verantworten haben. So sollte es auch mit unsere Aufgabe sein, bei der Verordnung pflanzlicher Mittel auf die naturverträgliche Herkunft zu achten. Hier sind Gespräche mit dem Apotheker oder dem Reformhaus um die Ecke genauso wichtig, wie die Empfehlung, sich doch Heilkräuter selbst im Garten zu ziehen.


Zitat aus dem Buch Life Counts – Eine globale Bilanz des Lebens von M. Gleich, D. Maxeimer, M. Miersch, F. Nicolay, 2000, Berliner Taschenbuchverlag


”Die steigende Nachfrage nach “natürlichen” Salben, Pillen, Tees und Cremes bekommt der Natur in vielen Fällen gar nicht. Denn 90 % der etwa 2.000 weltweit gehandelten Heilkräuter stammen nicht etwa aus Kulturen, sondern werden unkontrolliert in freier Natur gesammelt. Ob Arnika, gelber Enzian, Adonisröschen, Thymian oder Oregano – viele der wohlbekannten Arten werden in großem Stil auf der Bergwiese und im Wald ausgerissen, ausgegraben, abgehackt. Beispiel Thymian: Im Südosten Spaniens werden alljährlich etwa 75 Millionen Thymianbüsche mit Stumpf und Stiel herausgerissen. Experten sehen darin nicht nur eine mögliche Bedrohung der Bestände in der Zukunft, sondern auch ein Problem für die Bodenerosion an den ohnehin von Trockenheit heimgesuchten Standorten der Büsche. Das moderne Biobusiness verlangt nach Massenware: Viele hunderttausnd Tonnen Heilpflanzen im Wert von zirka 12 Milliarden US-Dollar werden pro Jahr weltweit gehandelt. Größter Markt für Heilpflanzen in Europa und eine der wichtigsten Drehscheiben für den weltweiten Handel ist Deutschland. Mehr als 45.000 Tonnen aus rund 120 Ländern im Wert von über 107 Millionen US-Dollar werden pro Jahr importiert. In der EU hat sich der Absatz in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Die Folge: Allein in Europa sind mindestens 150 Heilpflanzenarten in ihrem Bestand bedroht.”


Weltweit werden nach Schätzungen der Weltnaturschutzorganisation IUCN 40.000 bis 50.000 Heilpflanzenarten verwendet. Ein Viertel davon sind bereits gefährdet durch Lebensraumverlust, lokale Übernutzung und internationalen Handel.


Der landwirtschaftliche Anbau von Heilpflanzen hilft da nur sehr begrenzt, da die Inkulturnahme von Wildpflanzen sehr kosten- und zeitaufwändig ist, manche Pflanzenarten sich gar nicht kultivieren lassen oder eben nur in sehr geringen Mengen gebraucht werden. Bei schonender Nutzung der Wildpflanzen könnte der natürliche Lebensraum erhalten bleiben und müsste nicht durch anfällige Monokulturen ersetzt werden. Dies böte auch eine nachhaltige Einkommensquelle für die einheimische Bevölkerung mit gleichzeitiger Inwertsetzung der in der Region vorkommenden Natur. Hier setzen sich der WWF und TRAFFIC (das gemeinsame Handelskontroll- und Artenschutzprogramm von WWF und IUCN) für den Schutz und eine schonende Nutzung der Heilpflanzen ein. Derzeit arbeiten WHO, IUCN, WWF und TRAFFIC gemeinsam an einer Revision der “Richtlinien zum Schutz von Medizinalpflanzen”. Diese richten sich an Regierungen, Politik und Unternehmen als Grundlage für Gesetzgebungs- bzw. Richtlinienvorgaben. Solange es jedoch keine gesetzlichen Vorgaben für eine nachhaltige Heilpflanzensammlung gibt, entscheidet letztlich die Verbrauchernachfrage (auch wir als NATUM-Ärzte) über den Marktanteil von ökologisch und sozial verträglich produzierten Heilmitteln.


Weitere Daten:


Nach der WHO sind ca. 80 % der Weltbevölkerung auf die direkte Nutzung von Heilpflanzen zur medizinischen Grundversorgung angewiesen.


Als meist preiswertere Alternative zur Chemosynthese bei der Arzneimittelproduktion liefert die “Naturapotheke” nach WHO-Schätzungen die Ausgangsstoffe für etwa 70 % aller Medikamente.


Allein in Deutschland beläuft sich die jährliche Importmenge auf etwa 45.000 Tonnen getrocknetes Heilpflanzenmaterial mit einem Gesamtwert von etwa 90 Mio. Euro.


Weltweit werden 440.000 Tonnen Drogenpflanzen importiert, davon nach Europa 30 % (1996).


2000 Pflanzenarten werden in Europa zur Weiterverarbeitung in Heilmittel, Kräutertees, Kosmetika usw. gehandelt, davon wachsen 1200 wild in Europa.


80 % werden dabei direkt aus der Natur entnommen, nach vorsichtigen Schätzungen sind dies 20 – 30.000 Tonnen wild gesammelt.


Weiterführende Informationen unter www.wwf.de


Beispiele für bedrohte Heilpflanzen:


Fieberklee: Verbreitung: Osteuropa, Balkan,Deutschland. Gefährdung durch Lebensraumverlust, Überdüngung, unkontrolliertes Sammeln.


Gelber Enzian: Verbreitung: Westeuropa, Balkan, Türkei. Gefährdung Lebensraumverlust, Übernutzung. Anbau möglich, bishrige Anbaufläche 150 Hektar, weltweiter Bedarf jedoch 1.500 Tonnen getrockneter Wurzeln.


Sonnentau: Verbreitung: Europa, bes. Skandinavien, Madagaskar, in Deutschland geschützt. Gefährdung durch brutale Sammlermethoden, Übernutzung, kontrollierte Nutzung in Finnland. Handelsaufkommen allein in Europa ca 10 Tonnen jährlich, wobei für 1 Kilo 5.000 bis 10.000 Pflänzchen nötig sind.


Schlüsselblume: Verbreitung: Europa, Türkei. Ausnahmslos Wildsammlungen, hoher Bedarf. Gefährdung durch unkontrollierte Nutzung, Lebensraumverlust durch Intensivierung der Landwirtschaft. In Deutschland geschützt, in der Türkei ist sie eine der am stärksten bedrohten Medizinalpflanzen.


Echte Bärentraube: Verbreitung: Südeuropa, Schweiz, Skandinavien, Balkan, Russland, China. Ausschließlich Wilsammlung. Gefährdung durch Lebensraumverlust, Übernutzung. Es sollten nicht mehr als 12 % des Bestandes geerntet werden. In Deutschland geschützt.


Frühlings-Adonisröschen: Verbreitung: Zentral-, Süd- und Osteuropa bis Ural, westl.Sibirien.


Gefährdung durch Verlust natürlicher Steppenvegetation, landwirtschaftliche Intensivierung, Tourismus, falsche Sammeltechniken, Übernutzung. Inkulturnahme scheint bislang nicht wirtschaftlich.



Dr. Erwin Kohler
Seiferheldstr. 23
74523 Schwäbisch Hall




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