Phthalate in der Schwangerschaft

Vorsicht Phthalate !


Dr. med. Erwin Kohler


Als Frauenärzte sind wir in der besonderen Verantwortung für Schwangere und solche, die es werden wollen. Außer einem Presseaufschrei vor einem Jahr über die Gefährlichkeit der Phthalate und der Beschwichtigung durch verschiedene sogenannte verantwortliche Ämter ist nicht viel geblieben. Alles nur eine Luftblase?


Diese Chemikalien sind wesentlicher Bestandteil unserer modernen Lebensweise. Phthalate werden Kunststoffen, denen elastische Eigenschaften verliehen werden sollen, zugesetzt. Sie sind farblos, schwer flüchtig und fast geruchlos sowie unlöslich in Wasser. In Innenräumen gasen sie aus phthalathaltigen Produkten aus und lagern sich im Hausstaub ab (Beispiele: Boden- und Wandbeläge aus Polyvinyl (PVC), Vinyl-Handschuhe,usw.). Sie dienen als Weichmacher, gehen aber mit den Kunststoffen selbst keine Verbindung ein und können daher relativ leicht wieder herausgelöst werden. Viel wird über die Nahrung, die in Kontakt mit phthalathaltigen Substanzen, wie Folienverpackungen, war, aufgenommen aber auch über direkten Kontakt, über die Luft und das Wasser. Phthalate finden sich in der Badeente (seit neuestem verboten) bis zum Plastikplanschbecken, als Trägersubstanzen für Duftstoffe in Parfums, Deodorants und anderen Körperpflegemitteln, in Nagellacks und Haarsprays sowie in PVC-Produkten, Pestiziden, Schmierstoffen und als Additive in der Textilindustrie.


Leider ist DBP (Di-n-buthylphthalat) auch zugelassener Hilfsstoff in Arzneimitteln, insbesondere in magensaftresisten Verkapselungen von ätherischen Ölen, Pflanzenextrakten, Enzymen, Vitaminen und Eisenverbindungen. In vielen anderen medizinischen Produkten können Phthalate wohl bislang schwer ersetzt werden: Blut- und Infusionsbeutel, Dialysebeutel, Urinbeutel und –katheter, PVC-Schlauchsysteme, Handschuhe, Kontaktlinsen. So erhalten Frühgeborene allein aus Infusionsschläuchen bis zu 10 mg des Weichmachers, bei einer tolerierbaren täglichen Aufnahme (TDI) der EU von 37µg/kgKG pro Tag! Für unsere Beratung wichtig, auch in Schaumverhütungsmitteln und in Dildos finden sich Phthalate!


Durch die breite Anwendung sind Phthalate überall verteilt und wir sind ihnen ständig ausgesetzt, dabei werden die meisten Phthalate (DBP und di-(2-ethylhexyl)-phtalat (DEHP)) von der EU aufgrund tierexperimenteller Studien in die Kategorie „fortpflanzungsgefährdend“ eingestuft. Das heißt, sie müssen als „kann das Kind im Mutterleib schädigen“ und „kann möglicherweise die Fortpflanzung beeinträchtigen“ deklariert werden. Diese Stoffe stehen somit im Verdacht, kanzerogen, teratogen und endokrin wirksam zu sein, die Forschung über die möglichen negativen Auswirkungen steht wieder mal erst am Anfang. Vernünftige Grenzwerte gibt es nicht, vor allem muss die Gesamt-Phthalat-Belastung berücksichtigt werden. Diese ist bei Kindern, die alles in den Mund nehmen, besonders hoch. So hatten Kindergartenkinder doppelt so hohe Blutwerte wie ihre Mütter. Teilweise sind Phthalate in Spielzeug und Kosmetika schon verboten worden. Was suchen diese Substanzen dann in Medikamenten und auch noch in solchen, die Schwangeren empfohlen werden? Insbesondere scheint die Exposition der Schwangeren in der Zeit der sexuellen Differenzierung des Ungeborenen gefährlich zu sein. Es hat sich gezeigt, dass neugeborene Jungen unter Phthalatbelastung der Mutter einen geringeren Penis-Hoden-Abstand aufweisen als Zeichen einer verminderten Testosteronproduktion mit der Option, später eine herabgesetzte Samenqualität zu produzieren. Bei Mädchen weisen erste Daten auf eine Störung der ovariellen Funktion hin sowie auf einen Zusammenhang mit der Entstehung der Endometriose.:
Eine Zusammenstellung der frei verkäuflichen Arzneimittel mit DBP oder DEHP als Hilfsstoffen findet sich unter www.drei-eichen-apotheke.de/arzneimittel/dbp.html.


Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte war im Frühjahr 2006 schnell bemüht, die Sache herunterzuspielen mit Milchmädchenrechnungen, die belegen sollten, dass angeblich durch die Einnahme von derartigen Arzneimitteln keine gesundheitsgefährdende Belastung auftreten könne bezogen auf die tierexperimentell festgelegten Grenzwerte. Der Denkfehler liegt jedoch darin, dass die Gesamtbelastung der Weichmacher, der wir ausgesetzt sind, sowieso schon grenzwertig hoch ist und wohl oft überschritten wird. Es wird auch nicht berücksichtigt, dass es bislang (wie eigentlich immer) keinerlei harte Daten über die Auswirkungen beim viel sensibleren Ungeborenen gibt.. Eine zusätzliche (unnötige) Belastung durch Medikamenteneinnahme beim bereits angeschlagenen Organismus und beim Ungeborenen ist in keiner Weise zu verantworten.




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